Avril 2019
Gedenkstätte Buchenwald
Denkmal für alle Opfer des KZ Buchenwald / Mémorial de Buchenwald, Hommage aux victimes du camp de concentration de Buchenwald
Gedenkveranstaltung des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) / Cérémonie du souvenir du Comité international Buchenwald-Dora et Kommandos
Begrüßung / Allocution de bienvenue
– Discours de M. Vasile Nussbaum – ehemaliger Deportierter, Vizepräsident für Rumänien des IKBD (déporté, vice-président représentant la Roumanie au Comité international)
» Mein Name ist Vasile Nussbaum. Ich wurde 1944 aus einer Großstadt des damaligen Ungarn deportiert. Ich wurde nach Buchenwald verschleppt und nach der Befreiung kehrte ich mit 16 Jahren nach Hause zurück. Ich ging wieder zur Schule und nach dem Abitur fing ich an zu studieren. Dort aß ich immer in der Unimensa. Eines Tages sprach mich der Mensaleiter, ein Herr im Alter meines Vaters an und lobte mich: nach Ihnen muss das Personal aber wirklich wenig putzen. Ihr Teller bleibt immer sauber, sogar die Brotkrümel wischen Sie in Ihre Hand. Haben Sie das bei Ihren Eltern gesehen? Nein, ich habe diese Gewohnheit woanders gelernt, meine Eltern sind schon lange tot. Der Mensaleiter brachte sein Beileid mit einem bitteren mitfühlenden Lächeln zum Ausdruck.
Viele Jahre später ging ich mit irgendeiner Beschwerde zum Arzt . Der Arzt maß meinen Blutdruck und fand ihn zu hoch. Für die Diagnose bräuchte man einige grundsätzliche Untersuchungen, meinte er. Einige Tage später hielt er die Ergebnisse in der Hand. Wie ich sehe, ist auch Ihr Zucker höher als er sollte. Sagen Sie, mein Herr, fragte er, hatte Ihr Vater auch erhöhte Zuckerwerte, haben Ihr Vater, Ihre Mutter an Diabetes gelitten? Ich weiß es nicht, sie sind jung gestorben. Dann eines Ihrer Geschwister, hat es Diabetes, hohen Blutdruck? Ich hatte nur einen Bruder, er ist auch sehr früh gestorben. Was ist Ihrer Familie zugestoßen? Ein Verkehrsunfall oder irgendein Unglück? Sie sind in Nazi-Konzentrationslager umgebracht worden. Es tut mir Leid, dass ich mich nicht mal aus ärztlicher Sicht auf ein Erbe stützen kann.
Meine Frau fragte mich: wenn früh der Wecker klingelt und du wach wirst, gähnst du nie oder streckst dich, sondern springst sofort aus dem Bett und rennst ins Bad. War dein Vater genauso? Ich weiß es nicht. Als wir Kinder aufstanden, da war er schon längst angezogen. Du machst nie aus irgendwas ein Problem. Du nimmst alles so leicht, so selbstverständlich, weil du so zuversichtlich bist. Waren deine Mutter, dein Vater so? Ich weiß es nicht. Zwischen 1940 und 1944 hatten wir ein schweres Leben. Die immer härteren Judengesetze haben keinen Grund zum Optimismus gegeben. »
Wenn von deiner Kindheit die Rede ist, dann sagst du immer: Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Weißt du denn überhaupt, wer du bist? Nein, ich weiß es tatsächlich nicht, denn ich kann es nicht wissen, wie viel von meinen Genen bestimmt wird und wie viel von meinem Buchenwalder Vermächtnis. Eins ist aber klar, und das wusste ich schon damals: „dass Buchenwald, du mein Schicksal bist!”
Übersetzt von Zsuzsa Berger-Nagy und Ildikó Magyari »